Abgehakt - oder?
Wenn man gewahr wird, dass man sich in nicht allzu großer Ferne
für ein neues, zu lesendes Buch zu entscheiden hat, spürt man meist
die Freude und den Reiz des unbekannt Neuen. Doch was will, was soll
man lesen? Natürlich gibt es Anregungen von Freunden, auch
Bestsellerlisten und Buchkritiken geben Hilfestellungen oder endlich
das zum Geburtstag geschenkt bekommene Buch lesen, das schon seit
vier Wochen auf dem Nachttisch liegt. Die beste alle Möglichkeiten:
- kurz und schmerzlos ins Büchereck und mit dem empfohlenen Buch
ist der Abend garantiert gerettet.
Von Zeit zu Zeit habe ich den Wunsch, ein Buch zu lesen, das auf
meiner imaginäre Weltliteraturliste steht. Und wenn es ganz schlecht
läuft, so fällt die Wahl nicht auf ein Buch, auf das ich mich schon
lange freue, z.B. Hans Henny Jahnn Fluss ohne Ufer oder
Charles Dickens David Copperfield, nein, in einigen schwachen
Momenten fällt die Wahl auf einen Roman, den ich schon mehrmals in
Händen hielt, um ihn nach einigen Seiten wieder still und heimlich
ins Regal zu stellen. Oblomow von Iwan A. Gontscharow teilt
dieses Schicksal mit Jane Austens Mansfield Park.
Doch, worüber wollte ich schreiben? Genau: Wie liest man ein
Buch, das man mit Notwendigkeit lesen muss bzw. möchte, es aber aus
unerfindlichen Gründen nicht schafft, über die ersten zehn bis
zwanzig Seiten hinauszukommen? Bevor ich dieser Frage nun meine ganze
Aufmerksamkeit widme, sei noch eine kleine Abschweifung gestattet,
die – zumindest in einem Fall – dazu beigetragen hat, dass ein
bestimmtes Buch der Weltliteratur seit mehr als 25 Jahren noch keinen
„gelesen-Haken“ verliehen bekommen hat, obwohl ich es bis zu
einem – im wahrsten Sinne des Wortes - bestimmten Punkt mit Genuss
gelesen habe. Der Grund hierfür ist meine mangelnde
Entschlussfähigkeit, wobei der Anlass im buchfertigenden Gewerbe
liegt. Es war wohl im Jahre 1986 oder 1987, ich arbeitete noch im
Schnelsener Büchereck. Ein treuer Kunde, nein, mehr als das, ein
Freund und geschätzter Mitarbeiter unseres kleinen Kulturmagazins
Edelzwicker, reizte mich mit der Aussage: der langweiligste
Roman der Weltliteratur sei Der Mann ohne Eigenschaften von
Robert Musil. Mein Freund hatte in diesem speziellen Fall genau das
gleiche Problem, welches ich mit – um ein drittes Buch zu nennen:
Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismen habe. Ihm fehlte der
Zugang, doch noch immer gehörte dieser Roman zu seinem ureigensten
Kanon. Ich fing also an, diesen langweiligsten aller Romane zu lesen,
und war nicht nur angetan sondern begeistert vom jungen Ulrich, der
auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft war. Bis heute
habe ich diesen Roman nicht zu Ende gelesen, da im Band II der
vierbändigen Volk und Welt Ausgabe auf die Seite 468 die Seite 433
folgt, d.h., die Seiten 433 – 468 sind doppelt im Buch, dafür
fehlen die Seiten 469 - 500. Definitiv bin ich im 2. Buch, dritter
Teil – Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher), vor 25 Jahren
stecken geblieben. Da ich kein sogenannter Überschlagleser bin –
es sei denn, in Kriminalromanen werden zu blutrünstige Details
ausgebreitet, die ich einfach nicht lesen kann –stehe ich nun –
wie gesagt seit 25 Jahren - vor der Entscheidung, entweder mir diesen
Band neu zu kaufen oder die fehlenden Seiten zu kopieren, sie dann in
das Buch einzukleben oder aber ganz einfach ein Exemplar aus der
Bücherhalle auszuleihen und in dieser schönen Frühlingszeit auf
der Terrasse diese seit 25 Jahren gesuchten Seiten unter einem
Sonnenschirm, lesend zu genießen. Wie gesagt, es gibt viele
Möglichkeiten, den noch fehlenden imaginären Haken nicht zu
bekommen.
Nun ahnen Sie vielleicht, um welchen Roman es sich handelt, der
sich seit über 30 Jahren hartnäckig weigert, die Hürde des
schon-gelesenen zu überspringen. Laurence Sterne, dem wir
dieses Meisterwerk der Weltliteratur zu verdanken haben, nennt sein
Werk selbst im Band V, Kapitel XI ein Possenspiel, also einen Unsinn
sondergleichen. Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
wurde im Zeitraum von 1759-1767 veröffentlicht. Allein die Geburt
des Tristram erstreckt sich über drei Bände des insgesamt neun
bändigen Werkes. Der Autor lässt uns auch formal an der Entstehung
des Werkes teilhaben, so fällt ihm erst im 3. Band auf, dass er noch
keine Vorrede für den gesamten Roman geschrieben hat und dies nun
schleunigst nachholen müsse. Tristram Shandy ist ein Vorläufer der
Romane, in denen sogenannte subjektiven Bewusstseinsvorgänge
beschrieben werden. James Joyce und Virginia Woolf sind exklusive
Vertreter dieser Stilrichtung. Abschweifungen und freie Assoziationen
nehmen einen so großen Raum ein, dass man einen Handlungsstrang, nur
erahnen kann. Geplant war ja eine Art Autobiografie des Ich-Erzählers
Tristram Shandy, doch die Hauptfiguren sind eher der Vater Walter
Shandy und Tristrams Onkel Toby Shandy. Es ist keine Chronologie im
Roman auszumachen. Vielmehr springt der Roman zwischen den
Jahreszahlen 1689 und 1766 willkürlich hin und her. Auch wird mitten
in der Schilderung einer Handlung plötzlich abgebrochen, um freien
Assoziationen zu folgen. Wird z.B. während der Geburt unseres
Helden, bei dem Versuch der Hebamme, den Kopf frei zu bekommen,
versehendlich die Nase eingedrückt, so wird die Schilderung der
Geburt unterbrochen und durch eine wissenschaftliche Hypothese, die
erklären soll, dass die Nasenform – hier eine Deformation – in
Zusammenhang mit dem Namen erheblichen Einfluss auf das Schicksal des
Trägers von Nase und Namen haben soll. Wie liest man nun einen
Roman, der sich immer wieder quer stellt, dessen Abschweifungen mir
in vielen Fällen als völlig unsinnig erscheinen.
Richtig: man liest ihn gar nicht! Erst jetzt, wo mir wider Willen
Zeit geschenkt wurde, entdecke ich den ganz eigenen Buchkosmos der
vertonten Bücher. Harry Rowohlt schafft es, auf 22 CDs, d.h. in ca.
30 Stunden, eine Welt auferstehen zu lassen, die vor Possen,
Abschweifungen, wissenschaftlichen Traktaten sowie französischen und
lateinischen Originaltexten nur so strotzt. Man kommt aus dem
Schmunzeln nicht mehr heraus, wenn Harry Rowohlt in einem mehr
juristischen Tonfall – ja, so etwas bekommt er hin – lang und
breit die zwischen Frau und Herrn Shandy in zäher Verhandlung
vertraglich festgesetzten Ansprüche der Ehefrau im Falle einer
Zeugung und anschließenden Geburt eines gemeinsamen Nachkommen
referiert (z.B. das Recht einer Geburt im sicheren Londoner
Krankenhaus unter ärztlicher Kontrolle), um nach langen Erörterungen
festzustellen, dass dieser zäh ausgehandelte Vertrag gar keine
Gültigkeit mehr besitzt, da durch eine vor einem Jahr erfolgte
Fehlgeburt, die Fahrt nach London und andere vertraglich vereinbarte
Vorrechte Frau Shandys abgegolten seien. Rowohlt bekommt jeden Ton
hin, man denke nur an A.A. Milne: Pu der Bär, wenn noch eine
Abschweifung erlaubt sei. Auch ich setzte mich, als meine Kinder
Winnie entdeckten, zu ihnen ins Kindezimmer und hörte mit Vergnügen
so lange zu, bis meine Laune so gut wurde, dass die anstehenden Berge
von Schmutzwäsche mit philosophischer bzw. buddhistischer Weitsicht
gemeistert wurden. Rowohlt schafft es, jeder Situation den geeigneten
Ton unterzulegen. Großartig sind die militärischen Erörterungen
Onkel Tobys gelungen, die im Ton britisch unterkühlter
wissenschaftlicher Sachlichkeit gehalten sind und gar nicht erst das
Verlangen eines militärischen Kommandotons aufkommen lassen. Man
sollte sich auch mit dem Hörbuch Zeit lassen, damit einem die vielen
Andeutungen, Parallelen und Possen nicht entgehen. Vielleicht auch
einmal zurückspulen. Wenn man sich Zeit nimmt, dann ist dieses
Possenspiel ein wahrer Hörgenuss.
Also: mit meiner Entdeckung, ein Hörbuch als Ersatzleseleistung
zu benutzen, locke ich zwar keinen Pudel hinter dem Ofen hervor,
aber: man muss diese Entdeckung erst einmal machen!
Ein grundlegendes Problem bleibt:
Darf ich ein gehörtes Buch in meiner imaginären
Weltliteraturbibliothek als gelesen abhaken?
Über diesen 1. Blog:
Die Idee zu diesem Blog kam mir in der für mich so radikal
veränderten Lebenssituation. Darum möchte ich um etwas Verständnis
bitten. Vielleicht erscheint Ihnen dieser Blog zu lang und vielleicht
ist er nicht jedermanns Sache. Dass ich erst als ruhig gestellter
Buchhändler diese faszinierende Vielfalt der Hörbücher
entdecke, scheint für mich eher peinlich zu sein. Dass ich sie, wenn
auch spät, überhaupt entdecke, ist für mich eine große
Bereicherung.
Thomas Bormann
Hier noch einige Buch- bzw. Hörbuchempfehlungen, die oben im Text
Erwähnung fanden.
Sterne, Laurence: Leben und Ansichten von Tristram Shandy,
Gentleman
Gontscharow, Iwan A.: Oblomow. Taschenbuch, Gebunden oder e-Book.
Das Hörbuch erscheint im Oktober 2014
Austen, Jane: Mansfield Park. Taschenbuch, Gebunden oder e-Book.
Das Hörbuch erscheint im September 2014
Hans Henny Jahnn Fluss ohne Ufer
Charles Dickens David Copperfield,
Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil
Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismen.
Milne, A.A.: Pu der Bär
Joyce, James: Werke
Woolf, Virginia: Werke
Lieber Thomas Bormann, Danke für diese Geschichte. Das kann sich wahrlich hören lassen :-) Und ja, unbedingt abhaken .... Herzliche Grüße und alles erdenklich Gute!
AntwortenLöschenRespekt für den schönen Text - wie wäre es mit selber ein Buch schreiben?? Ich hätte bei all den Abschweifungen im oben genannten Buch das Werk gaaaaanz nach hinten gestellt, nicht meins, viel zu ungeduldig dazu und wenig Zeit... Hörbücher- super! Da geht auch die Bügelwäsche viel flotter von der Hand!! Und - gehört = gelesen = Haken machen!
AntwortenLöschenWir denken an Dich, herzliche Grüße von den beiden Schröders