Mittwoch, 14. Mai 2014

Abgehakt - oder?

Abgehakt - oder?
Wenn man gewahr wird, dass man sich in nicht allzu großer Ferne für ein neues, zu lesendes Buch zu entscheiden hat, spürt man meist die Freude und den Reiz des unbekannt Neuen. Doch was will, was soll man lesen? Natürlich gibt es Anregungen von Freunden, auch Bestsellerlisten und Buchkritiken geben Hilfestellungen oder endlich das zum Geburtstag geschenkt bekommene Buch lesen, das schon seit vier Wochen auf dem Nachttisch liegt. Die beste alle Möglichkeiten: - kurz und schmerzlos ins Büchereck und mit dem empfohlenen Buch ist der Abend garantiert gerettet.
Von Zeit zu Zeit habe ich den Wunsch, ein Buch zu lesen, das auf meiner imaginäre Weltliteraturliste steht. Und wenn es ganz schlecht läuft, so fällt die Wahl nicht auf ein Buch, auf das ich mich schon lange freue, z.B. Hans Henny Jahnn Fluss ohne Ufer oder Charles Dickens David Copperfield, nein, in einigen schwachen Momenten fällt die Wahl auf einen Roman, den ich schon mehrmals in Händen hielt, um ihn nach einigen Seiten wieder still und heimlich ins Regal zu stellen. Oblomow von Iwan A. Gontscharow teilt dieses Schicksal mit Jane Austens Mansfield Park.
Doch, worüber wollte ich schreiben? Genau: Wie liest man ein Buch, das man mit Notwendigkeit lesen muss bzw. möchte, es aber aus unerfindlichen Gründen nicht schafft, über die ersten zehn bis zwanzig Seiten hinauszukommen? Bevor ich dieser Frage nun meine ganze Aufmerksamkeit widme, sei noch eine kleine Abschweifung gestattet, die – zumindest in einem Fall – dazu beigetragen hat, dass ein bestimmtes Buch der Weltliteratur seit mehr als 25 Jahren noch keinen „gelesen-Haken“ verliehen bekommen hat, obwohl ich es bis zu einem – im wahrsten Sinne des Wortes - bestimmten Punkt mit Genuss gelesen habe. Der Grund hierfür ist meine mangelnde Entschlussfähigkeit, wobei der Anlass im buchfertigenden Gewerbe liegt. Es war wohl im Jahre 1986 oder 1987, ich arbeitete noch im Schnelsener Büchereck. Ein treuer Kunde, nein, mehr als das, ein Freund und geschätzter Mitarbeiter unseres kleinen Kulturmagazins Edelzwicker, reizte mich mit der Aussage: der langweiligste Roman der Weltliteratur sei Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Mein Freund hatte in diesem speziellen Fall genau das gleiche Problem, welches ich mit – um ein drittes Buch zu nennen: Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismen habe. Ihm fehlte der Zugang, doch noch immer gehörte dieser Roman zu seinem ureigensten Kanon. Ich fing also an, diesen langweiligsten aller Romane zu lesen, und war nicht nur angetan sondern begeistert vom jungen Ulrich, der auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft war. Bis heute habe ich diesen Roman nicht zu Ende gelesen, da im Band II der vierbändigen Volk und Welt Ausgabe auf die Seite 468 die Seite 433 folgt, d.h., die Seiten 433 – 468 sind doppelt im Buch, dafür fehlen die Seiten 469 - 500. Definitiv bin ich im 2. Buch, dritter Teil – Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher), vor 25 Jahren stecken geblieben. Da ich kein sogenannter Überschlagleser bin – es sei denn, in Kriminalromanen werden zu blutrünstige Details ausgebreitet, die ich einfach nicht lesen kann –stehe ich nun – wie gesagt seit 25 Jahren - vor der Entscheidung, entweder mir diesen Band neu zu kaufen oder die fehlenden Seiten zu kopieren, sie dann in das Buch einzukleben oder aber ganz einfach ein Exemplar aus der Bücherhalle auszuleihen und in dieser schönen Frühlingszeit auf der Terrasse diese seit 25 Jahren gesuchten Seiten unter einem Sonnenschirm, lesend zu genießen. Wie gesagt, es gibt viele Möglichkeiten, den noch fehlenden imaginären Haken nicht zu bekommen.
Nun ahnen Sie vielleicht, um welchen Roman es sich handelt, der sich seit über 30 Jahren hartnäckig weigert, die Hürde des schon-gelesenen zu überspringen. Laurence Sterne, dem wir dieses Meisterwerk der Weltliteratur zu verdanken haben, nennt sein Werk selbst im Band V, Kapitel XI ein Possenspiel, also einen Unsinn sondergleichen. Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman wurde im Zeitraum von 1759-1767 veröffentlicht. Allein die Geburt des Tristram erstreckt sich über drei Bände des insgesamt neun bändigen Werkes. Der Autor lässt uns auch formal an der Entstehung des Werkes teilhaben, so fällt ihm erst im 3. Band auf, dass er noch keine Vorrede für den gesamten Roman geschrieben hat und dies nun schleunigst nachholen müsse. Tristram Shandy ist ein Vorläufer der Romane, in denen sogenannte subjektiven Bewusstseinsvorgänge beschrieben werden. James Joyce und Virginia Woolf sind exklusive Vertreter dieser Stilrichtung. Abschweifungen und freie Assoziationen nehmen einen so großen Raum ein, dass man einen Handlungsstrang, nur erahnen kann. Geplant war ja eine Art Autobiografie des Ich-Erzählers Tristram Shandy, doch die Hauptfiguren sind eher der Vater Walter Shandy und Tristrams Onkel Toby Shandy. Es ist keine Chronologie im Roman auszumachen. Vielmehr springt der Roman zwischen den Jahreszahlen 1689 und 1766 willkürlich hin und her. Auch wird mitten in der Schilderung einer Handlung plötzlich abgebrochen, um freien Assoziationen zu folgen. Wird z.B. während der Geburt unseres Helden, bei dem Versuch der Hebamme, den Kopf frei zu bekommen, versehendlich die Nase eingedrückt, so wird die Schilderung der Geburt unterbrochen und durch eine wissenschaftliche Hypothese, die erklären soll, dass die Nasenform – hier eine Deformation – in Zusammenhang mit dem Namen erheblichen Einfluss auf das Schicksal des Trägers von Nase und Namen haben soll. Wie liest man nun einen Roman, der sich immer wieder quer stellt, dessen Abschweifungen mir in vielen Fällen als völlig unsinnig erscheinen.
Richtig: man liest ihn gar nicht! Erst jetzt, wo mir wider Willen Zeit geschenkt wurde, entdecke ich den ganz eigenen Buchkosmos der vertonten Bücher. Harry Rowohlt schafft es, auf 22 CDs, d.h. in ca. 30 Stunden, eine Welt auferstehen zu lassen, die vor Possen, Abschweifungen, wissenschaftlichen Traktaten sowie französischen und lateinischen Originaltexten nur so strotzt. Man kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus, wenn Harry Rowohlt in einem mehr juristischen Tonfall – ja, so etwas bekommt er hin – lang und breit die zwischen Frau und Herrn Shandy in zäher Verhandlung vertraglich festgesetzten Ansprüche der Ehefrau im Falle einer Zeugung und anschließenden Geburt eines gemeinsamen Nachkommen referiert (z.B. das Recht einer Geburt im sicheren Londoner Krankenhaus unter ärztlicher Kontrolle), um nach langen Erörterungen festzustellen, dass dieser zäh ausgehandelte Vertrag gar keine Gültigkeit mehr besitzt, da durch eine vor einem Jahr erfolgte Fehlgeburt, die Fahrt nach London und andere vertraglich vereinbarte Vorrechte Frau Shandys abgegolten seien. Rowohlt bekommt jeden Ton hin, man denke nur an A.A. Milne: Pu der Bär, wenn noch eine Abschweifung erlaubt sei. Auch ich setzte mich, als meine Kinder Winnie entdeckten, zu ihnen ins Kindezimmer und hörte mit Vergnügen so lange zu, bis meine Laune so gut wurde, dass die anstehenden Berge von Schmutzwäsche mit philosophischer bzw. buddhistischer Weitsicht gemeistert wurden. Rowohlt schafft es, jeder Situation den geeigneten Ton unterzulegen. Großartig sind die militärischen Erörterungen Onkel Tobys gelungen, die im Ton britisch unterkühlter wissenschaftlicher Sachlichkeit gehalten sind und gar nicht erst das Verlangen eines militärischen Kommandotons aufkommen lassen. Man sollte sich auch mit dem Hörbuch Zeit lassen, damit einem die vielen Andeutungen, Parallelen und Possen nicht entgehen. Vielleicht auch einmal zurückspulen. Wenn man sich Zeit nimmt, dann ist dieses Possenspiel ein wahrer Hörgenuss.
Also: mit meiner Entdeckung, ein Hörbuch als Ersatzleseleistung zu benutzen, locke ich zwar keinen Pudel hinter dem Ofen hervor, aber: man muss diese Entdeckung erst einmal machen!
Ein grundlegendes Problem bleibt:
Darf ich ein gehörtes Buch in meiner imaginären Weltliteraturbibliothek als gelesen abhaken?




Über diesen 1. Blog:
Die Idee zu diesem Blog kam mir in der für mich so radikal veränderten Lebenssituation. Darum möchte ich um etwas Verständnis bitten. Vielleicht erscheint Ihnen dieser Blog zu lang und vielleicht ist er nicht jedermanns Sache. Dass ich erst als ruhig gestellter Buchhändler diese faszinierende Vielfalt der Hörbücher entdecke, scheint für mich eher peinlich zu sein. Dass ich sie, wenn auch spät, überhaupt entdecke, ist für mich eine große Bereicherung.
Thomas Bormann
Hier noch einige Buch- bzw. Hörbuchempfehlungen, die oben im Text Erwähnung fanden.
Sterne, Laurence: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Gontscharow, Iwan A.: Oblomow. Taschenbuch, Gebunden oder e-Book. Das Hörbuch erscheint im Oktober 2014
Austen, Jane: Mansfield Park. Taschenbuch, Gebunden oder e-Book. Das Hörbuch erscheint im September 2014
Hans Henny Jahnn Fluss ohne Ufer
Charles Dickens David Copperfield,
Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil
Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismen.
Milne, A.A.: Pu der Bär
Joyce, James: Werke
Woolf, Virginia: Werke

2 Kommentare:

  1. Lieber Thomas Bormann, Danke für diese Geschichte. Das kann sich wahrlich hören lassen :-) Und ja, unbedingt abhaken .... Herzliche Grüße und alles erdenklich Gute!

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  2. Respekt für den schönen Text - wie wäre es mit selber ein Buch schreiben?? Ich hätte bei all den Abschweifungen im oben genannten Buch das Werk gaaaaanz nach hinten gestellt, nicht meins, viel zu ungeduldig dazu und wenig Zeit... Hörbücher- super! Da geht auch die Bügelwäsche viel flotter von der Hand!! Und - gehört = gelesen = Haken machen!
    Wir denken an Dich, herzliche Grüße von den beiden Schröders

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